Wo Storys aus dem Boden wachsen

Die besten Geschichten haben Ihre Wurzeln in der Heimat.

Freisinger Tagblatt Journalismus Manuel Eser
Wenn ein spannendes Ereignis in Freising passiert, lässt Lokaljournalist Manuel Eser nicht lange auf sich warten. Vor allem die Menschen hinter den Geschichten geben seiner Arbeit den besonderen Wert.

Zugegeben: Ich habe mir nicht allzuviel erwartet, als ich mit meinem Uni-Abschluss in der Tasche beim Münchner Merkur als Lokaljournalist angefangen habe. Nachbarschaftsstreitigkeiten statt Nahostkonflikt – für einen Politikwissenschaftler schon gewöhnungsbedürftig.

Schnell habe ich aber festgestellt, dass ich nach den guten Geschichten nicht in der großen weiten Welt suchen muss, sondern dass sie daheim auf der Straße liegen. Egal, wo ich bisher gearbeitet habe – in Fürstenfeldbruck, Dorfen oder jetzt in Freising: Überall habe ich spannende Menschen kennengelernt. Sie haben witzige Hobbys, sind zu großen Leistungen fähig und haben oft auch ein großes Herz. Begegnet sind mir bei der Arbeit ein 80-Jähriger, der in seiner Garage fast 20 Oldtimer-Motorräder geparkt hat, ein 24-Jähriger, der in seiner Altersklasse in Florida den Iron Man gewonnen hat und ein Klinik-Clown, der schwerkranken Kindern in iranischen Kliniken zum Lachen gebracht hat. Globale Geschichte mit lokalen Wurzeln. In der Welt daheim ist auch der Hallertauer Hopfen. In alle Himmelsrichtungen, über Tausende von Kilometern wird das Grüne Gold transportiert. Für den Freisinger Lokaljournalisten liegt das begehrte Gut um die Ecke. Mit rund 15 000 Hektar ist die Hallertau das größten Hopfenanbaugebiet des Planeten. Rund 13 Prozent der Hopfengärten liegen im Landkreis Freising. Auch hier wachsen die Geschichten aus dem Boden.

Überall habe ich spannende Menschen kennengelernt. Sie haben witzige Hobbys, sind zu großen Leistungen fähig und haben oft auch ein großes Herz.

Spannend: das Hopfenforschungszentrum in Hüll, in dem neue Sorten gezüchtet werden – neuerdings auch mit fruchtigen Aromen. Gesellig: In Attenkirchen findet seit 2010 die größte Open-Air-Verkostung weltweit statt. Alle zwei Jahre strömen Tausende von Menschen in die kleine Gemeinde, wo sie aus fast 100 Bieren auswählen können. Sportlich: Im Markt Nandlstadt fand 2015 die Hopfenzupf-WM statt – auch wenn am Ende nur regionale Kräfte zum Wettpflücken angetreten sind. Und manchmal wird es richtig dramatisch: Wenn Landwirte um ihre Existenz bangen müssen – etwa, weil der Durchschnittspreis für Hopfen auf dem Weltmarkt sinkt, oder weil ein fünf Minuten dauernder Hagelschaden die Ernte eines ganzen Jahres vernichten kann.

Und trotzdem zählen die Hopfenbauern nicht zu einer Zunft, bei der das Jammern auf der Tagesordnung steht. Das ist es, was mir an ihnen besonders gut gefällt. Diejenigen, die ich dank meines Berufs kennenlernen durfte, sind keine Menschen großer Worte. Man muss sich für sie Zeit nehmen. Dann aber stellt man fest, dass die Hopfenbauern einen trockenen Humor haben. Dass sie gesellig sind. Und dass sie einen niemals durstig nach Hause gehen lassen. Ja, manchmal muss man den Block auch mal zur Seite legen und zum Bierkrug greifen. Auch das habe ich in meinem Leben als Lokaljournalist gelernt. Dass es bei der Heimatzeitung nicht nur darum geht, die beste Geschichte zu haben, sondern auch den Menschen darin gerecht zu werden. Das aber fällt nicht schwer mit einem Bier aus Hallertauer Hopfen in der Hand und einem traumhaften Sonnenuntergang hinter den Hopfengärten. Und ganz ehrlich: ein beruflicher Termin als Naherholung – wer hat das schon?

TextManuel Eser